Effizienz ist das Gegenteil von Resilienz
Jede Konsolidierung entfernt genau die Puffer, die einen Vorfall überlebbar machen. „Wir haben das verschlankt“ ist oft die Vorgeschichte von „es ist alles gleichzeitig ausgefallen“.
„Wir haben das verschlankt.“ In vielen IT-Organisationen ist das der Satz, der ein paar Monate später die Vorgeschichte zu einem anderen Satz bildet: „Es ist alles gleichzeitig ausgefallen.“
Meine These: Fast jede Konsolidierungs-, Zentralisierungs- und Effizienzinitiative in der IT entfernt genau die Puffer, die einen Vorfall überlebbar machen. Und kaum jemand verbucht diese Puffer als das, was sie sind — eine Versicherung.
Der Denkfehler
Nassim Taleb hat in Der Schwarze Schwan und Antifragilität beschrieben, warum schlanke, hochoptimierte Systeme fragil sind: Ihnen fehlt die Reserve für das Ereignis, das nicht im Plan stand. Redundanz sieht im Normalbetrieb aus wie Verschwendung — ein zweites Rechenzentrum, das die meiste Zeit nichts tut. Ein zweiter Anbieter, den man doppelt steuern muss. Personal, das nicht zu hundert Prozent ausgelastet ist. Ein Controller streicht das. Ein Architekt, der schon einmal einen Totalausfall erlebt hat, nicht.
Der Punkt ist nicht „Effizienz ist schlecht“. Der Punkt ist: Effizienz und Resilienz ziehen an denselben Ressourcen in entgegengesetzte Richtungen. Jeder Euro Slack, den man herausoptimiert, war ein Euro Ausfallversicherung.
Zwei Muster, die immer wiederkehren
Rechenzentrumskonsolidierung ohne echten Zweitstandort. Zwei oder drei Standorte werden zu einem zusammengelegt — aus nachvollziehbaren Gründen: weniger Fläche, weniger Lizenzen, weniger Betriebsaufwand. Der „Notfallstandort“ ist danach ein Brandabschnitt im selben Gebäude oder ein Backup, das noch nie unter Last zurückgespielt wurde. Das ist kein Zweitstandort. Das ist ein Etikett.
Single-Provider-Strategie bei einem Fachverfahren mit Bürgerkontakt. Ein Dienstleister betreibt die Kfz-Zulassung, das Standesamt, die Sozialleistung. Günstiger im Einkauf, einfacher im Vertrag, eine Ansprechstelle. Bis dieser eine Dienstleister ausfällt — durch Ransomware, durch ein fehlerhaftes Update, durch Insolvenz — und mit ihm die Leistung für zehntausende Bürger, ohne Ausweichweg.
Beides ist in den letzten Jahren öffentlich passiert. Der Ransomware-Angriff auf den kommunalen IT-Dienstleister Südwestfalen-IT Ende 2023 hat rund 70 Kommunen lahmgelegt — wochenlang, in Teilen monatelang. Bürgerdienste, die es vorher an vielen Stellen gab, hingen plötzlich an einem einzigen Punkt. Das fehlerhafte Update des Sicherheitsanbieters CrowdStrike im Juli 2024 hat weltweit Flughäfen, Kliniken und Behörden gestoppt, weil überall dieselbe Software lief. In beiden Fällen war die Zentralisierung vorher als Fortschritt verkauft worden. Sie war es auch — bis zu dem Tag, an dem sie es nicht mehr war.
Was daraus folgt
Zwei Dinge, konkret:
- 1.Redundanz wird zur geschützten Budgetposition. Ein zweiter Standort, ein zweiter Anbieter, ein regelmäßig geübter Rückfallpfad — das darf nicht die erste Zeile sein, die im Sparlauf gestrichen wird. Wer Redundanz kürzt, trifft eine Risikoentscheidung. Die gehört dokumentiert, bewertet und von der Leitung unterschrieben — nicht in einer Excel-Zeile versenkt.
- 2.Übungen, die den Ausfall der zentralen Komponente wirklich durchspielen. Nicht das Tabletop, an dessen Ende alle sagen „hätte geklappt“. Sondern: Das zentrale Rechenzentrum ist weg. Der Hauptdienstleister meldet sich drei Wochen nicht. Was jetzt? Wer darf entscheiden, auf den Papierprozess zurückzugehen? Wie lange hält die Organisation das durch? Wenn diese Fragen im Ernstfall zum ersten Mal gestellt werden, ist es zu spät.
Die Frage, die ich mir stellen würde
Nicht „Wie effizient ist unsere IT?“ — sondern: „Welche einzelne Komponente kann heute ausfallen und alles andere mitnehmen? Und wann haben wir diesen Fall zuletzt wirklich geübt, nicht nur besprochen?“
Wer die Antwort nicht kennt, hat nicht verschlankt. Er hat nur die Rechnung verschoben.